Alice Skiendziel und Christel Wels über Flucht und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg
Unser Leben bestand nur noch aus Angst
In Methgethen fanden wir ein Gebäude, in dem schon viele andere Flüchtlinge untergekommen waren. In der dritten Nacht hörten wir kein Geschützfeuer mehr, alles blieb ruhig – doch gerade das war beängstigend, schlimmer als der Lärm zuvor. Berechtigt: Auf einmal wurde gewaltsam die Tür aufgestoßen, mit dem Gewehr im Anschlag kamen vier Russen in den Raum. Eine Frau, die ihre Uhr im Mantel eingenäht hatte, erschlugen sie mit dem Gewehr. Das Geräusch von dem Schlag haben Alice und ich noch heute im Ohr.
Eine junge Frau wurde in unser aller Beisein mehrmals vergewaltigt, sie lag kraftlos auf der Liege und wehrte sich nicht mehr. Immer neue Russen kamen, zigmal wurde sie vergewaltigt, auch als sie längst ohnmächtig war. Die Vergewaltigungen gingen die ganze Nacht hindurch, die Schreie und Schüsse nahmen kein Ende.
Dann kam ein Russe in unseren Raum und schleppte die junge Frau mit, die sich immer noch nicht rührte. Am nächsten Tag gingen die Vergewaltigungen weiter, die Frau, die der Russe totgeschlagen hatte, lag noch immer in unserem Raum in einer großen Blutlache. Niemand wagte sich aus dem Haus, auch auf`s Klo trauten wir uns nicht, wir benutzten lieber einen Papierkorb für unsere Notdurft. Der Gestank im Haus wurde unerträglich.
Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass es so viele Tote gab, darunter auch sehr viele Mädchen, die sich das Leben genommen hatten oder die wollten, dass die Russen sie erschießen, da sie die ständigen Vergewaltigungen nicht mehr ertragen konnten. Irgendwann schmissen sie uns raus. Wir waren erstaunt, wie viele Flüchtlinge in diesem Haus gewesen waren, wie ein Ameisenhaufen wuselten wir nun alle hinaus auf die Straße.
Die Geschosse flogen hin und her, wir hörten das Pfeifen von Granaten, und eine schlug oben in das Haus ein, das wir gerade verlassen hatten. Aber wir mussten zur Straße, es gab keinen anderen Fluchtweg. Was wir da sahen, ist unbeschreiblich: Flüchtlingswagen, die umgekippt im Graben lagen, dazwischen tote und verstümmelte Menschen – Frauen, Kinder und alte Leute.
Dann sahen wir einen Panzer auf uns zurollen! Wir sprangen alle in den Graben und stellten uns tot, und bekamen steif und still liegend mit, was um uns herum geschah. Wer noch auf der Straße stand, wurde überrollt. Die fürchterlichen Schreie kann man nicht aus dem Gedächtnis streichen. Helfen konnten wir nicht, wie wir – uns tot stellend – im Graben lagen.
Jeder kämpfte um sein eigenes Überleben. Unser Leben bestand nur noch aus Angst. Die Vergewaltigungen nahmen zu, oft hörten wir Schreie aus den Häusern, nirgends war man sicher. Auch meiner Mutter befahl ein Russe, mitzukommen, wenn sie mich nicht hergeben wolle. Es dauerte sehr lange, dann kam sie zurück und weinte.
Doch sie konnte ihre Töchter nicht vor dieser schrecklichen Erfahrung bewahren: Als wir auf einem Bauernhof, der voller Flüchtlinge war, unser Nachtlager im Stroh aufschlugen, hörten wir lautes Gegröhle. „Die Russen kommen!“, rief eine Frau, die Mädchen verkrochen sich sofort tief im Stroh, niemand rührte sich, doch die Männer fluchten, nahmen ihre Gewehre und begannen, im Stroh herumzustochern.
Einer von ihnen holte ein brennendes Stück Holz von unserer Feuerstelle und wollte das Stroh anzünden. Wir hatten keine andere Wahl: Entweder wir verbrannten hier oder wir gingen mit. Unter den Mädchen, die sich die Russen ausgesucht hatten, war auch meine Schwester Elfriede. Mutter schrie, auch die anderen Frauen hielten ihre Töchter fest – vergebens.
Die Russen schlugen mit Gewehrkolben auf sie ein. Viele Mütter warteten vergeblich auf ihre Töchter, die Russen hatten sie umgebracht. Elfriede jedoch kam zurück, weinend und blutend, vergrub sich im Stroh und sprach kein Wort mehr. Wir wollten am nächsten Tag hier weg und entschieden uns, in ein leerstehendes Haus zu ziehen.
Jetzt hatten wir endlich so etwas wie eine warme Stube, doch wir suchten im Umkreis alle Häuser nach Essbarem ab und fanden nichts mehr, als zwei Frauen erzählten, dass die Russen im Schloss für die Deutschen Suppe kochen würden. Wir waren skeptisch, aber es stimmte. Ganz geheuer war uns das Ganze zwar nicht, denn Schweinefleisch war das nicht, und nach Rind oder Pferd sah es auch nicht aus.
Aber wir waren so ausgehungert, dass es nichts Größeres gab, als endlich mal wieder satt zu werden, und so blieben wir im Schloss. Eines Tages kamen Mongolen zu uns und nahmen drei Frauen mit, die Kartoffeln holen sollten. Sie kehrten nie wieder zurück. Bald machte das Gerücht die Runde, dass die Frauen zu Fleisch für unsere Suppe verarbeitet worden sein. So schnell wie möglich flüchteten wir von diesem Ort.
Wir fanden ein Haus und ernährten uns von dem gefrorenen Fleisch der toten Pferde an den Flüchtlingswagen. Bald fanden Mutter und Alice Arbeit auf einem Gutshof, und Alice konnte so gut melken, dass die Russen sie brauchten. Ihre höhere Stellung verschaffte uns ein paar Vorteile: Sie wusste immer, wann Kühe geschlachtet wurden, und dann ging ich los, um die Därme aus dem Müll zu holen.
Eines Tages, Elfriede hatte zu viel Fett von den Därmen gegessen, kam ein Russe zu uns und sagte, sie müsse ins Krankenhaus. Zusammen mit anderen Mädchen wurde sie in einem LKW abgeholt, da merkte Mutter, dass etwas nicht stimmte, und sie hatte Recht: Es war ein Abschied für immer. Unsere große Schwester Elfriede wurde nach Sibirien verschleppt, und wie wir später herausfanden, starb sie auch dort.
Man war nie sicher vor den Russen, auch mich traf es eines Tages: Ich erledigte meine Arbeit und bemerkte nicht, dass der Kommandant im Raum stand. Da erst wurde mir bewusst, dass ich ja alleine war, und das Herz schlug mir bis zum Hals. Dann schmiss er sich auf mich. Ich habe vor Schmerzen geschrien, da hielt er mir den Mund zu, aber es wäre auch zwecklos gewesen, denn hier hörte mich sowieso niemand. Anschließend hat er mich wie Abfall liegengelassen, mit dem Blut an meinen Beinen herunterlaufend, wusste ich nicht, was ich machen sollte. Zeit meines Lebens habe ich das Wort „Scheune“ mit den schlimmsten Vergewaltigungen gleichgesetzt.
Als ich wieder auf der Arbeit war, kam die Frau des Kommandanten herein – sie hatte von der Vergewaltigung erfahren –, nahm ein Messer und kam fluchend auf mich zu. Die russische Köchin hat mich gerettet, die Frau des Kommandanten hätte mich umgebracht. Dabei konnte ich doch nichts dafür! Anfang 1948 endlich wurden die Deutschen ausgewiesen, doch wir durften nicht mit.
Im Gegenteil: Das Haus, in dem wir lebten, würde uns gehören und wir würden von nun an Geld für unsere Arbeit erhalten, wenn wir ein Formular unterschrieben, das uns zu russischen Staatsbürgern machte. Der Kommandant wollte uns dabehalten, weil wir gut arbeiteten. Zu gut. Mir wurde langsam bewusst, dass wir nie nach Deutschland zurückkehren würden.
Jetzt waren wir die einzigen Deutschen auf der Kolchose, und im Oktober sollte der letzte Flüchtlingstransport nach Deutschland fahren. Als wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, kam durch einen Zufall unsere Rettung. Der Brigadier einer anderen Kolchose warb uns ab und eröffnete uns von Vornherein, dass auf seinem Hof auch noch Deutsche seien und dass wir zusammen mit ihnen fahren könnten. Und so kam es dann auch.
Alice Skiendziel und Christel Wels, geboren am 20.09.1929 in Groß Pöppeln, Ostpreußen
AUSSTELLUNG "FLUCHT UND VERTREIBUNG"
Was bedeutet uns die Heimat? Was empfinden Menschen, wenn sie vertrieben werden? Die Wanderausstellung "Vertrieben" mit Fotos von Verena Berg gibt einen Einblick in die Emotionen und Empfindungen, Biografien und Geschichten.
Der Zweite Weltkrieg hat eine beispiellose Völkerwanderung in Europa ausgelöst. Mehr als 12 Millionen Menschen mussten fliehen und eine neue Heimat finden. Verena Berg hat Menschen porträtiert, die diese Vertreibung am eigenen Körper erlebt haben.
Die Ausstellung umfasst zwei Texttafeln mit allgemeinen Informationen sowie 20 Bildtafeln. Die Alu-Dibond-Tafeln sind 500 x 750 mm groß. Die Ausstellung eignet sich für Bildungseinrichtungen, Kommunen, kleinere Museen oder Gemeinden.
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TOOLKIT AUSSTELLUNG "VERTREIBUNG"
In unserem Onlineshop finden Sie ein umfangreiches Materialpaket zur Ausstellung. Unser Toolkit Vertrieben: Generation "neue Heimat" ist ein PDF zum Download. Es enthält
- Informationen zur Fotografin
- Links zu Artikeln
- Videomaterial mit Audiospuren der Zeitzeugen
- Protokolle der portraitierten Zeitzeugen