Brigitte Krenz über die Vertreibung im Zweiten Weltkrieg

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Verena Berg: Vertrieben | Susanne Krenz

Meine Rettung durch die Post 

Ich sehe noch heute Stiefomi und -mutti – meine Mutter war bei meiner Geburt gestorben – ins Zimmer treten mit den aufgeregt hervorsprudelnden Worten:„ Morgen, Brigitte, geht’s los!“ Plötzlich war das, was ich immer von mir geschoben hatte – fort von der Heimat – wahr geworden. Ich musste unwillkürlich an das Flüchtlingselend denken, es spielte sich tagtäglich vor unserer Tür ab. Wir hatten etliche beherbergt, und nun sah ich mich selbst in dieses Heer der Flüchtenden treten. 

Sonnabend, den 3. Februar 1945, in der Früh um sieben fuhr ich mit meiner Omi, Mutti und Tante Grete in Königsberg auf einem Gefährt von Volkssturmmännern los. Bekannte Bauernhöfe und der Wald zogen zum letzten Mal an uns vorbei, dazwischen ratterten eintönig die feindlichen Tiefflieger, sie warfen in der Nähe Bomben. Drei Tage später, am 6. Februar, gingen wir über das zugefrorene Frische Haff, das Eis war schon stellenweise brüchig. 

Das Wetter war diesig, und so ruhten an diesem Tage die Tiefflieger, anders als am Tag zuvor: Immer wieder kamen wir an toten Pferden, in ihrer Blutlache liegend, vorbei. Es wurde behauptet, dass es den Tag zuvor 46 Verletzte und neun Tote gegeben habe. Wir hörten nur in einiger Entfernung Schüsse und erreichten die Nehrung. Es war ein stilles Ziehen, ein mühsames Vorwärtsschleppen von Mensch und Tier. Ich stieß auf etwas Weiches und schauderte, als ich sah, dass es ein toter Soldat war – doch der Menschenstrom zog mich weiter fort. In all diesem Elend zog das endlose Heer der verwundeten Soldaten. 

Oft wurden selbst Schwerstverwundete – mit Kopf- und Bauchschüssen – nur auf einem Leiterwagen gefahren, der nicht einmal mit Stroh ausgelegt war. Die armen Kerle müssen jeden Stein, jedes ausgewaschene Loch gefühlt haben und stöhnten auf, wenn wieder eine Unebenheit des Weges kam. 

Am Nachmittag des 7. Februar brach die Sonne durch und es dauerte nicht lange, bis auch schon die Tiefflieger über uns kreisten. Bald beherrschte nur noch ein einziges Getöse die Luft, nämlich das Knattern der MG. Rechts und links schwärmten wir in den Wald aus, um auf platter Erde in Deckung zu gehen, der Beschuss wurde immer heftiger. 

Erst als der Abend dämmerte, legte er sich, und wir wollten weiterfahren, doch da begann das Artilleriefeuer. Sie schossen über das Nehrungswäldchen, ein Weiterkommen schien zwecklos, also mussten wir die Nacht im Wald verbringen. Wir zitterten vor Kälte, und durch meine Schuhe, obgleich es derbe Stiefel waren, drang das Schneewasser. 

Schaurig hörte sich das Artilleriefeuer an, und auf der Straße stand das Militär und brüllte Kommandos durch die Nacht. Wir kauerten todmüde in einem Chausseegraben, nicht mehr fähig, auch nur einen Schritt zu machen, und überließen uns unserem Schicksal. Doch plötzlich wurde die Nacht taghell, Trommelfeuer setzte ein, und die Granaten zischten uns um die Ohren. 

Wir rannten blindlings in eine Villa, die sich als Lazarett herausstellte. Der Arzt hat mich gleich rausgeworfen, weil ich nicht verwundet war – er hatte ja Recht, aber ich bin trotzdem wieder rein. Der Druck rüttelte am Haus, ich kauerte zwischen zwei Bahren mit todwunden Soldaten, sie haben Decken über mich gelegt, damit der Arzt mich nicht sieht. Der Sanitäter hat mich dann erwischt und gesagt: „Wenn du nun schon hier bist, musst du helfen.“ 

Meine Aufgabe war, eine zerschossene Frau zu betreuen. Öfters klang es zu mir herüber: „Mädel, nicht so zaghaft, packen Sie kräftig zu!“ Sie stöhnte leise, schweißtriefend lag sie in ihrem Kostüm, Arme und Beine zerschossen. Ein Soldat mit Bauchschuss half mir, ihren Kopf zu halten, um sie zu füttern, obwohl ich sagte, er solle sich nicht bewegen. 

Taumelnd kam ich zu Mutti zurück und sagte:„ Ich kann das nicht mehr sehen“, und dann weiß ich nichts mehr – ich fiel in Ohnmacht. Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ein Sanitäter, dass ich über 40 Grad Fieber hatte, und brachte mich in ein ganz warmes Zimmer mit einem Ofen – das war tatsächlich wie ein Geschenk –, und ich schlief, an die heißen Kacheln gelehnt, ein und bekam nicht mehr mit, dass das Trommelfeuer die ganze Nacht angehalten hatte, wie mir Omi und Mutti am nächsten Morgen erzählten. An diesem Morgen kam der Räumungsbefehl für die Flüchtlinge, und wir mussten auf Schusters Rappen weiterziehen. 

Wir waren völlig abgestumpft: Hielt der Zug, so war’s gut; ging’s wieder ein Stück vorwärts, so war’s auch gut. Ich aß Schnee gegen den Durst, und mich beschlich die Angst, es nicht mehr hinüber ins Reich zu schaffen. Ich setzte Mutti, Omi und Tante Grete auf einen Wagen, mit dem sie nach Stutthof fahren sollten. Ich selber lief zu Fuß dorthin. 

Da fiel mir ein: Mein Vater war bei der Post gewesen, und ich hatte einen Feldpostbrief, mit dem ich mich als Postangehörige ausweisen konnte! Also ging ich zur Post und fand dort Unterschlupf. Als ich die anderen wiedergefunden hatte, ging es mit einem Postauto nach Danzig, wo wir in Postbaracken untergebracht wurden und meine Stiefmutter wegen einer Wundrose ins Lazarett kam. 

Dann gelang es ihr, über einen Berliner Postrat ein Auto zu organisieren, das uns aus Danzig brachte. Die Marienburg brannte, als wir in Richtung Westdeutschland fuhren. Per Anhalter, Güter-zug und Viehwaggon kamen wir in Etappen weiter, bis wir Ende Februar in Berlin- Schönefeld in einer Gärtnerei unterkamen. 

Am 23. April nahmen die Russen Berlin-Schönefeld ein. Wir blieben nun alle im Keller und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Wir brauchten nicht lange zu warten, und schwere Stiefel klapperten die Kellertreppe herunter: Die Russen waren da. Über mich hatte Omi schnell Decken und Mäntel geworfen, sodass ich unsichtbar war für die gierigen Blicke. 

So ging das mehrere Tage: Die Russen kamen, die Russen gingen. Nach einigen Tagen musste der Keller geräumt werden, und die anderen zogen ins Haus, ich kam aber nicht mit ihnen, sondern wurde auf einen Heuboden gebracht, wo ich mich sehr still zu verhalten hatte. Nachts bekam ich zu essen – ein paar Schnitten Brot, etwas zu trinken –, und meine einzige Gesellschaft waren die Ratten, denen ich ein wenig von meinem Essen abgab, damit sie mich nicht anfraßen. 

Nach und nach aber kamen andere Frauen und Mädchen hierher, um sich vor den Russen zu verstecken. Dann kam der Tag, an dem alle Häuser und Gehöfte nach Verstecken durchkämmt wurden, und ich musste mich den Tatsachen stellen. 

Ich bekam Arbeit in der Landschaftsgärtnerei. Mit uns einquartiert war unter anderem auch ein russischer Hauptmann – dort sagt man Capitano – mit dem Namen Gorbonow. Durch ihn lernte ich etwas Russisch, und er konnte mit mir sein Deutsch verbessern. So kam es, dass ich Dolmetscherin spielte, wenn die Russen Besuch von den Amerikanern bekamen. 

Capitano Gorbonow sagte zu meiner Mutter: „Sie sind doch Berlinerin. Dann sehen Sie zu, dass Sie eine Unterkunft im Westsektor finden, dann können Sie ganz normal rüber, bis zum 31. Oktober 1945.“ Wir haben natürlich ein Zimmer besorgt, es gab ja nichts, was wir nicht konnten.

 Brigitte Krenz, geboren am 15.07.1928 in Marienburg.

AUSSTELLUNG "FLUCHT UND VERTREIBUNG"

Was bedeutet uns die Heimat? Was empfinden Menschen, wenn sie vertrieben werden? Die Wanderausstellung "Vertrieben" mit Fotos von Verena Berg gibt einen Einblick in die Emotionen und Empfindungen, Biografien und Geschichten.

Der Zweite Weltkrieg hat eine beispiellose Völkerwanderung in Europa ausgelöst. Mehr als 12 Millionen Menschen mussten fliehen und eine neue Heimat finden. Verena Berg hat Menschen porträtiert, die diese Vertreibung am eigenen Körper erlebt haben.

Die Ausstellung umfasst zwei Texttafeln mit allgemeinen Informationen sowie 20 Bildtafeln. Die Alu-Dibond-Tafeln sind 500 x 750 mm groß.  Die Ausstellung eignet sich für Bildungseinrichtungen, Kommunen, kleinere Museen oder Gemeinden. 

Jetzt die Ausstellung im Shop buchen.

 

TOOLKIT AUSSTELLUNG "VERTREIBUNG" 
 

In unserem Onlineshop finden Sie ein umfangreiches Materialpaket zur Ausstellung. Unser Toolkit Vertrieben: Generation "neue Heimat" ist ein PDF zum Download. Es enthält

  • Informationen zur Fotografin
  • Links zu Artikeln
  • Videomaterial mit Audiospuren der Zeitzeugen
  • Protokolle der portraitierten Zeitzeugen

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