Eberhard Wever über Flucht und Vertreibung im zweiten Weltkrieg

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Verena Berg: Vertrieben | Eberhard Wever

Ich bin in Bartenstein, Ostpreußen geboren. Das liegt mitten in Ostpreußen, zwischen Königsberg und Eisenstein und zwischen Daun usw. Also wirklich zentral. Mein Vater ist dort Landrat gewesen und hatte den Kreis Bartenstein unter sich. Und ich bin in Bartenstein geboren, nachdem mein Vater schon einige Jahre dort war. Meine beiden älteren Brüder sind in Berlin geboren, wo mein Vater früher war, im Ministerium, dort. Und dann ist meine Mutter, nachdem das zweite Kind geboren war, dann nach Bartenstein gezogen und ich bin dann als drittes Kind zur Welt gekommen, 1933, am 6. Juni, und bin also ein waschechter Ostpreußen, weil ich dort geboren bin und zur Schule gegangen. Natürlich Grundschule und Gymnasium.

Damals sagte man Oberschule dazu. Und ich habe es bis fünf und sechste Schuljahr hatte gerade begonnen. Sechste Und dann sind sie geflohen, im Januar, am 21. Januar 1945. Und das ging im Grunde Hals über Kopf, denn meine. Mein Vater war im Krieg gefallen. 1944. Wir hatten damals das Wort vermißt, immer gehört. 

Er war vermißt. Aber hinterher stellte sich heraus er war natürlich gleich gefallen. So dass meine Mutter mit vier Kindern den Entschluss fassen musste, zu fliehen. Nun war sie Landratsfrau und das bedeutete natürlich Wenn Landrat flüchten, dann ist das ein Freibrief für alle. Wir müssen alle flüchten, nicht? Nun war das so, dass ein Einzug angekündigt war auf dem Bartenstein. 
Der Bahnhof. Der sollte so gegen Mittags fahren und das hatte meine Mutter erfahren und hat dann gesagt Jetzt nehmen wir unser gesamtes Gepäck, was schon alles vorbereitet war für den Fall Des Falles sind wir alle viel zum Bahnhof geeilt und es war noch eine junge Frau dabei. 22 Jahre war die Hausmädchen bei uns, deren Eltern in Daun lebten, also auch in Ostpreußen. Aber es ging alles schnell. Wir kamen zum Bahnhof. Es war rasend voll.

Es war der ganze Vorplatz, der Bahnsteig, alles war voll mit Menschen. Das waren ja nicht nur die Backsteine, sondern auch die aus der ganzen Umgebung. Bartenstein war ein Knotenpunkt der Eisenbahn. Ja, und dann ging es darum Wer findet jetzt einen Platz in dem Viehwaggon? Es war ein großer Zug, mit leeren Waggons eingefahren, und da strömte alles hinein. Es war sofort auch voll, und mein Bruder Wolfgang und mein Bruder Dietrich waren auch schon eingestiegen. Und die Lisbeth, das junge Mädchen, von dem ich erzählt habe, auch. 

Und dann kam die Bahn. Beamten machten die Türen zu, weil alles voll war. Da stand meine Mutter draußen mit Helmut und mir. Ich war damals elf und der Zug fuhr ab. Also wir waren von Anfang an auf der Flucht getrennt. Und was aus den dreien geworden ist, das haben wir dann alles erst viel später erfahren. Und das war natürlich was. Was empfindet eine Mutter, wenn plötzlich zwei Jungs weg sind? Und zwar ist war dieses junge Mädchen dabei mit 22, die auch sich sehr verantwortungsvoll gezeigt hat und die hat die Kinder betreut. Der Wolfgang war 15 und der Junge war acht. Ja, nun war es so wir hatten schon im Vorwege eine Familie in Neubrandenburg in Mecklenburg angesprochen, ob wir dort, wenn wir fliehen sollten, dorthin kommen könnten. Das war eine befreundete Familie. Mutter mit Vaterwagen fällt auch um. Und auch drei Kinder. Auch so kleine. 

Ja, natürlich, Das war unser Ziel. Und diese Lisbeth und Wolfgang und Dietrich wussten also, Neubrandenburg ist unser Ziel. Zunächst. Und dann mussten wir schnell wieder nach Hause eilen, weil der Zug. Es wurde auf dem Bahnsteig noch ein Zug angekündigt, der dann abends um 17:00 oder so was, bei der Eiseskälte noch dazu. Und dann hatte meine Mutter noch telefoniert mit einer Familie Meinecke. Das spielt in unserer Fluchtgeschichte eine Rolle, die meine Kids hatten, fünf oder sechs Kinder, und die hat schon auf dem Vorwege gedacht Wenn wir flüchten müssen, dann sollten wir beiden Familien uns zusammenfinden, damit wir eine Gemeinschaft bilden. 

Und das Telefonat sagte Frau Meinecke, kommen Sie um 17:00 mit Ihren Kindern. Wir kommen auch um 17:00 mit den beiden übrig gebliebenen Kindern. So ist es dann gekommen und wir haben eine Gemeinschaft zur Gemeinschaft von elf Personen gehabt und sind tatsächlich in diesen Zug um 17:00 reingekommen. Natürlich dicht bei dicht alles voll. Jeder Viehwaggon ohne Strom, ohne alles nur geschlossene Waggons. Aber Geschlossenheit bei der Kälte. Die vielen Ritzen im Gehwagen, damit das Vieh auch atmen kann, waren ja da. Also es war eine Eiseskälte dann. Ja, Dicht bei dicht waren wir alle eingepegelt. Wie die Heringe, nicht? Ja, nun hatten wir das Gefühl. Jetzt kommen wir also von Bartenstein nach Königsberg. Das ist eine Strecke, die man in normalen Zeiten in einer Stunde fährt. Und wir haben, um es vorwegzunehmen, 72 Stunden gebraucht. Und zwar ist es so diese Flüchtlingsflüchtlingszug. Der spielte bei den vielen Zügen, die unterwegs waren, eine geringste Rolle.

Da waren Wehrmachtszüge. Es fuhren die Züge an die Front mit Soldaten. Es fuhren die Züge zurück mit den Verwundeten. Immer mussten wir halten an irgendeinem popeligen Bahnhof, damit die Züge vorbei konnten. Und dann gab es Rote Kreuz verwundeten Züge. Also es war viel Betrieb auf der Strecke. Aber die Flüchtlinge mussten eben warten. Es gab kein Radio, es gab kein Handy. Das gab es ja alles nicht. Es gab keine Verpflegung. Wir hatten am Morgen früh des ein und 20. Januar gefrühstückt, aber das war auch dann schon alles. So ging es ja allen Leuten. Dann mussten wir ausharren und dann ging es mal wieder weiter. Und dann hoffte man wieder, dass wir jetzt näher kommen. Und dann hieß es plötzlich Wir müssen viele Stunden stehen, weil die Schneewehen, die Eisenbahnschienen eingeführt hatten. Und der Lokomotivführer und der Heizer, das waren ja nur zwei Leute im ganzen Zug, konnten natürlich nicht gegenan. Es musste also abgewartet werden, bis am nächsten Bahnhof dieser Zug überfällig war. Und dieser Bahnhof. Der nächste merkte Der Zug ist überfällig. Was ist los? Und dann kam. Kam dann also Hilfsleute.

Das waren vielleicht zehn. In meiner Erinnerung so ein Haufen Schaufeln. Die haben dann alles freigemacht. Und das war ein. Eine Zeit, wo wir alle dann die Türen öffnen konnten und auch mal und mit mit Schnee uns waschen konnten und draußen in der Kälte und so machen konnten. Also es war schon, war schon katastrophal. Aber da war bei der Frau Meinecke war ein Kind geboren, das war fast ein Jahr alt, erst ganz kleines Mädchen. Und die Frau hatte keine Milch. Die konnte das Kind nicht mal nähren. Und dann, bei diesem Schneeaufenthalt. Da habe ich beim Aussteigen nur ein Bruder, Helmut war dabei. Der war drei Jahre älter als drei Jahre älter als ich. 

Habe ich irgendwo ein Licht brennen sehen? Es ist zwar so, dass Ostpreußen ja keine flache ebene Fläche ist. Es gibt nur eine Landschaft mit leichten Hügeln, leichten Erhebungen und wieder leichten Vertiefungen. Und dieses Licht, was ich sah, da habe ich zu meinem Bruder Helmut. Da wohnen Bauern. Da müssen wir hin, um Milch zu holen für Frau, meine Kinder. Und dann sind wir los. Gestapft. Wir beiden Jungs in dem tiefen Schnee, der, wie wir sagten, immer bis zum Knie ein nicht. Und es war sehr mühsam. Es war vielleicht gar nicht so weit, aber wir haben eine Stunde gebraucht. Und dann kamen wir an ein Hexenhäuschen, möchte ich sagen.

Frau Holle pur. Das ganze Dach des Hauses war eingeschneit. Das war der Schnee bis zu den Fenstern hin. Und die Bauersleute hatten uns natürlich kommen sehen. Das sind so zwei schwarze Gestalten in einem weißen Schnee. Und dann machten sie die Tür auf, und der ganze Schnee stickte in deren ganze Wohnung hinein. Was ist denn los? Ja, wir haben unten den Zug und. Und da ist eine Mutter ohne Mädchen. Und wir wollten fragen, ob wir etwas Milch bekommen könnten. Ja, natürlich. Ich kriegte nämlich eine ganze Kanne voll. So eine Blechkanne mit einem Deckel drauf. Ja, und das war war dann also eine Hilfsbereitschaft sondergleichen? Natürlich. Aber Sie wussten ja, da muss ein Zug sein. Und meine Mutter war in Aufregung. Wann kommen die Kinder zurück? Es könnte ja der Zug weiterfahren, und er würde nicht halten, bloß weil zwei Kinder verloren gegangen sind. 

Bei diesen Tausenden spielt ein Verlust von zwei Kindern keine Rolle. Also, meine Mutter hat ja viel durchgemacht. Und dann hatten wir den Vorteil, dass es nicht mehr schneite. Das heißt, unsere Spuren waren da. Wir wussten also den Weg zum Zug Genau. Und dann saßen wir. Dann waren wir denn schließlich angekommen? Meine Mutter, die. Na ja, wie das so ist. Und dann fuhren wir auch eine gewisse Zeit nicht. Und dann hörten wir plötzlich Flugzeuge über uns. Das konnten wir nicht sehen, nur hören. Und da ging das auf unseren Zug. Eine schwarze Schlange im weißen Schnee. Also ein ideales Ziel für russische Flugzeuge. Und die haben den Zug beschossen. Ich bin ja mit meinen elf Jahren. Habe ja nicht alles so behalten. Ich weiß nicht, ob es durch diese Einschläge in die Waggons Tote gegeben hat oder nicht. Jedenfalls, die Lokomotive war schwer beschädigt. Nicht. Ich weiß nur nicht, was mit dem Lokführer war. Das kann ich nicht sagen. Aber jedenfalls, der Zug konnte nicht weiterfahren, weil der Zug stehen musste, nicht? Und das gab dann wieder diese Verzögerung von Stunden, möchte ich mal sagen. Wirklich Stunden. 

Dann kam aus Königsberg eine schneeschieber Maschine. Die machte dann frei den Weg und hängte sich vor unsere Lokomotive. So dass also, obwohl die Lokomotive beschädigt war, konnten wir trotzdem jetzt langsam weiterfahren. Das war natürlich ein Aufatmen. Hoffentlich kommen wir bald nach Königsberg. Und Königsberg erreichten wir dann am dritten Tag und nach der dritten Nacht abends. Es war auch schon dunkel, nicht? Wir Flüchtlinge wurden dann verfrachtet in eine Turnhalle einer Schule und das muss ich sagen, war alles vorbereitet. Also das war toll vorbereitet. Die ganze Aula, also die Turnhalle war mit Stroh überschüttet usw wie kriegten dort aus einer Gulaschkanone essen das erste Mal warmes Essen für diese abertausenden von Leuten.

Also es war toll gemacht. Na ja, toll. Es ist halt so damals gewesen. Und dann sind wir also mit der Familie Meinecke, mit einem Bus mit anderen natürlich zum Hafen gefahren worden und haben dann die Kathi, das ist das Schiff, was ich da drauf habe, nicht, weil das ist ja von heute aus gesehen ein ganz kleines Schiff. Und da wurden wir alle hinein gepfercht. Und als das Schiff voll war, brechend voll, fuhren wir dann sofort von Königsberg ab. Noch am selben Abend, im Schutze der Nacht in der Dunkelheit pregelabwärts nach Pillow vorbei und dann auch langsam auf die Ostsee über an der Halbinsel Hela Vorbei. Kurz und gut. Wir hatten das Gefühl, wir sind dem Russen entkommen. 

Wir sind heil an Leib und Leben auf einem Schiff und hofften natürlich, dem Schiff passiert nichts. Es war auch nichts. Aber das ist eben auch so! Dieses kleine Schiff war für russische Uboote kein lohnendes Ziel. Da musste schon die Gustav ran. Das ist paar Tage später gewesen, dieses Unglück mit der Wilhelm Gustloff. Alles in den Namen gefallen im Krieg verwundet in der grausen Schlacht. So hat's aus den Männern die Märtyrer, Kämpfer und Helden gemacht, sind übrig geblieben. Verwirrte Kinder der Nacht hat einer für diese den treffenden Namen auch schon erdacht.