Heinzgeorg Neumann über Flucht und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg

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Verena Berg: Vertreibung | Hansgeorg Neumann

Ich wollte nie wie ein Lemming auf verstopften Straßen nach Westen fahren 

Am 24. Oktober 1941 wurde ich in Nordrussland, als einer der letzten unserer Einheit, durch einen Mieneneinsatz schwer verwundet. Doch trotz meiner schweren Verletztung wurde ich nicht aus dem Militärdienst entlassen. Ich wurde kurz vor Kriegsende zum Höheren Pionierkommandeur Niederschlesiens kommandiert und löste einen Major der Infanterie ab. 

Die Oderbrücken mussten zur Sprengung vorbereitet werden, denn ohne ihre Sprengung hätten die meisten Panzer bis zum Rhein durchfahren können. Ich ließ in Breslau einen alten Milchlieferwagen mit Spreng- und Zündmitteln beladen und fuhr von Brücke zu Brücke. 

Alle konnten rechtzeitig gesprengt werden. Meine körperliche Belastung war hoch: Ich musste mit Beinprothese und schwerem Wintermantel oft im Schnee gehen, denn vom Schreibtisch aus kann man nicht die Durchführung von Befehlen kontrollieren. Man muss an Ort und Stelle sein und dann dementsprechend handeln. Mein Kommandeur Generalleutnant Bordihn war ein ausgeglichener, nobler Herr, den wir sehr schätzten. 

Am 9. Mai 1945 wurde unser Stab in Nordböhmen aufgelöst, mein General empfahl die Flucht nach Westen, denn er meinte, die Tschechen brächten alle Deutschen um. Davon hielt ich nichts. Ich wollte nicht wie ein Lemming in dem mir zugeteilten Personenkraftwagen auf verstopften Straßen nach Westen fahren, sondern die Entscheidungsfreiheit behalten, also ließ ich den Kraftfahrer nach Süden in die Tschechei hineinfahren. 1

000 Reichsmark hatte ich in der Prothese, die ich seit meiner Verwundung trug, zwölf Gramm Gold, eine goldene Uhr und ein Bernsteinstück. In der Nähe von Prag trafen wir auf eine tschechische Truppe. Ein Offizier fragte mich, ob ich eine Maschinenpistole hätte.„ Na, des hob i net, Herr Kamrad“, antwortete ich mit österreichischem Akzent. Er wünschte uns gute Heimkehr nach Österreich, und wir konnten ohne Probleme weiterfahren. 

In der Nähe der böhmischen Stadt Pisek gerieten wir in amerikanische Gefangenschaft. Ich schloss mich einem Lazarett an, um notfalls als Prothesenträger besser versorgt zu werden. Ein amerikanischer Offizier versicherte uns „aufs Ehrenwort“, dass das Lazarett den Russen nicht ausgeliefert werde. Wir waren aber der Meinung, dass dieses Versprechen keinen Wert habe und bereiteten uns auf die Flucht vor. 

So schnitten wir uns zum Beispiel Karten zurecht, um sie in der Feldmütze zu verstecken. Am nächsten Tag wurden wir den Russen übergeben, und mir fielen die Erzählungen meines Direktors am Gymnasium wieder ein, der aus russischer Gefangenschaft geflüchtet war und uns erklärt hatte, wie er Stempel gefälscht hatte. 

Die Sanitätsoffiziere des Lazaretts kamen auf die glänzende Idee, den Verwundeten mitzuteilen, wir hätten Befehl vom russischen General, nach Linz zu fahren, da wir Typhuskranke an Bord hätten. Wir fuhren dann nach Osten, bei der nächsten Gelegenheit bogen wir nach Süden ab, und die russischen Posten haben uns anstandslos passieren lassen. Die Worte „russischer General“ und „Typhus“ hatten eine magische Wirkung auf sie. 

Weil die Kolonne einmal falsch geführt wurde – die Sanitätsoffiziere haben nicht viel Praxis gehabt –, übernahm ich ihre Leitung. Kurz vor Linz in einem Wald ließ ich halten, legte meinen Ledermantel ab, und jeder, der sich noch einigermaßen zu Fuß bewegen konnte, verließ die Kraftfahrzeuge und floh in den Wald. Später, nach vielen Monaten, habe ich Männer aus dieser Kolonne getroffen, die in Linz behandelt und nicht nach Russland ausgeliefert worden waren. 

Ich hatte mir unterwegs bei den endlosen Kolonnen der gefangenen deutschen Soldaten einen Leutnant herausgeschnappt, damit ich bei der Flucht zu Fuß eine Stütze im Gebirge habe. Mit ihm wanderte ich dann nachts durch die Wälder nach Westen, und tagsüber haben wir uns im Gebüsch versteckt. Nördlich von Passau trennten sich unsere Wege. Ich ging nach Süden, um einen Klassenkameraden zu treffen. 

Doch kurz darauf geriet ich wiederum in amerikanische Gefangenschaft in einem größeren Lager. Ich war also innerhalb von vier Wochen drei Mal in Gefangenschaft. Ich bin bestimmt der einzige Prothesenträger, der es geschafft hat, so oft aus Kriegsgefangenschaft zu entkommen. In dem amerikanischen Gefangenenlager war ich etwa eine Woche und wurde Anfang Juni 1945 nach Flensburg entlassen. Dort war ich kurze Zeit arbeitslos und fing dann nach wenigen Wochen als Maler für Kinderspielzeug an. 

Heinzgeorg Neumann, geboren am 10.10.1920 in Friedeberg in der Neumark

AUSSTELLUNG "FLUCHT UND VERTREIBUNG"

Was bedeutet uns die Heimat? Was empfinden Menschen, wenn sie vertrieben werden? Die Wanderausstellung "Vertrieben" mit Fotos von Verena Berg gibt einen Einblick in die Emotionen und Empfindungen, Biografien und Geschichten.

Der Zweite Weltkrieg hat eine beispiellose Völkerwanderung in Europa ausgelöst. Mehr als 12 Millionen Menschen mussten fliehen und eine neue Heimat finden. Verena Berg hat Menschen porträtiert, die diese Vertreibung am eigenen Körper erlebt haben.

Die Ausstellung umfasst zwei Texttafeln mit allgemeinen Informationen sowie 20 Bildtafeln. Die Alu-Dibond-Tafeln sind 500 x 750 mm groß.  Die Ausstellung eignet sich für Bildungseinrichtungen, Kommunen, kleinere Museen oder Gemeinden. 

Jetzt die Ausstellung im Shop buchen.

 

TOOLKIT AUSSTELLUNG "VERTREIBUNG" 
 

In unserem Onlineshop finden Sie ein umfangreiches Materialpaket zur Ausstellung. Unser Toolkit Vertrieben: Generation "neue Heimat" ist ein PDF zum Download. Es enthält

  • Informationen zur Fotografin
  • Links zu Artikeln
  • Videomaterial mit Audiospuren der Zeitzeugen
  • Protokolle der portraitierten Zeitzeugen

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