Herbert Schaak über Flucht und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg
Bekleidung, Möbel und Kochutensilien, alles wurde neu benötigt
Am 8. August 1944 wurde ich plötzlich als Flakhelfer einberufen – eine Art Soldat in der Flugabwehr –k, am zur Flakkampfbatterie in Königsberg, und nach nur vierzehn Tagen Ausbildung hatte ich bereits meinen ersten Einsatz. Als am 28. Januar 1945 russische Armeeeinheiten die Verteidigungslinie um Königsberg durchbrachen, wurden alle Flakhelfer als Soldaten übernommen. Wir verloren drei von sechs Geschützen, sodass wir nicht mehr voll einsatzfähig waren und Anfang März 1945 aus der Front herausgezogen wurden.
So sind wir dann zusammengestellt worden in Königsberg im Hafenbecken, und da haben wir auch das Trauerspiel gesehen:Tausende Flüchtlinge standen dort und warteten auf Schiffe. Ein Teil meines Jahrgangs, auch ich, wurde auf einem Kohlenschiff weggebracht. Bei Sturm und Schneetreiben sowie der ständigen U-Boot-Gefahr verbrachten wir fast 40 Stunden auf dem Wasser – keiner von uns hatte geglaubt, die Fahrt zu überleben.
Aber wir überlebten und erreichten Gotenhafen, wo wir in der Marinekaserne entlaust wurden und saubere Wäsche erhielten. Einige Tage später wurden wir dann nach Swinemünde gebracht, auf einem Schiff, das Schwerverwundete an Bord hatte. Kurz bevor wir in den Swinemünder Hafen einfuhren, lud man die auf der Fahrt Verstorbenen in ein kleines Boot um, wir Überlebenden wurden von der Waffen-SS begrüßt.
Ich wurde dem Reichsarbeitsdienst in Neustadt/Gleve bei Ludwigslust unterstellt, da ich ihn noch nicht abgeleistet hatte, so kam ich aus den ehemaligen Ostgebieten heraus. Kurz darauf wurde die Reichsarbeitsdiensteinheit nach Eutin in Schleswig-Holstein verlegt, auf ein Gut, das nach der Kapitulation zum Kriegsgefangenenlager erklärt wurde und auf dem wir nun als Gefangene lebten.
Das Wachpersonal bestand aus Kameraden der eigenen Einheit. Drei Tage nach der Kapitulation kam unser Einheitsführer und erklärte uns, dass die englische Kommandantur ihn aufgefordert habe, die Soldaten zu entlassen. Wir könnten unsere Entlassungsscheine selbst ausfüllen, er selbst unterschrieb und stempelte nur die Papiere. Über eine Tante meiner Mutter hatte ich erfahren, dass meine Mutter in Tating untergebracht sei.
Ich erhielt vier Tage Urlaub, um sie zu besuchen. Ich besorgte – oder anders gesagt: klaute – mir in Eutin ein Fahrrad und versteckte es an der Kirche, am nächsten Tag sollte es losgehen. Da hieß es plötzlich, die Entlassungsscheine seien ungültig. Das konnte nicht wahr sein! Ich war fest entschlossen, trotzdem zu meiner Mutter zu fahren und auch dort zu bleiben. Tags darauf, als einer meiner Kameraden Wache hielt, verließ ich das Gut, rannte zur Kirche, um das geklaute Fahrrad zu holen und fuhr, so schnell ich konnte, nach Tating.
Ich gelangte unentdeckt dorthin, und die Wiedersehensfreude war riesig! Sogar mein Vater war kurz zuvor angekommen, auch ihm war die Flucht gelungen. Aber wir schwebten in Gefahr, niemand wusste, was die Engländer mit uns Soldaten vorhatten, also zog ich die Uniform aus. Dass meine Mutter beim Bürgermeister wohnte, war mein Glück: Ich bat ihn, mir doch bitte eine Bescheinigung darüber auszustellen, dass wir Flüchtlinge aus Ostpreußen seien.
So konnte ich bei den wiederholten Hofkontrollen darauf hinweisen, dass ich kein Soldat sei. Immer wieder wurde der Aufruf gemacht, dass sich die ehemaligen Soldaten melden sollten, doch ich kam dem nie nach. Wir wurden in ein anderes Dorf transportiert, um Platz für Gefangene zu machen, und auf verschiedene Bauernhöfe verteilt.
Dort mussten wir zehn und mehr Stunden arbeiten, erhielten aber kein Geld dafür, also ging ich nach Kropp zum Arbeitsamt, um mir eine neue Stelle zu suchen: Ich wurde Bürokraft und sollte mich um die Betreuung und Unterbringung der Flüchtlinge kümmern.
Als die deutsche Wehrmacht am 8. Mai 1945 kapitulierte, waren Millionen Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten auf der Flucht Richtung Westen. Über 2000 Flüchtlinge und Bombengeschädigte mussten wir unterbringen, zunächst fanden sie in Baracken, Bunkern, Ställen und Scheunen Unterschlupf. Für die Erstversorgung richteten wir im Feuerwehrgerätehaus eine Gemeinschaftsküche ein, dort gab es nur Kohl- und Rübenmussuppe, aber obwohl das Gemüse im Winter angefroren war, schafften es die Frauen vom Deutschen Roten Kreuz, ein relativ geschmackvolles Essen daraus zuzubereiten.
Ich war dafür zuständig, den Menschen Bekleidung, Möbel und Kochutensilien zu besorgen. Die beschaffte ich, indem ich zum Flugplatz fuhr, um aus den verlassenen Unterkünften Betten, Schränke und Stühle zu schleppen und sie an die Bedürftigen zu verteilen. Im Laufe des Jahres 1945 erfolgte immer wieder der Aufruf der englischen Besatzungsmacht, dass sich alle Soldaten, die noch nicht offiziell entlassen waren, zu melden hätten.
Im Dezember meldete ich mich dann, und nach zwei Tagen erhielt ich den Entlassungsschein. Nun war ich endlich offiziell kein Soldat mehr und konnte mir in Kropp ein neues Leben aufbauen, meine Heimat Ostpreußen aber hatte ich für immer verloren.
Das schönste Land auf dieser Erde,
wo man Geborgenheit empfand
im Elternhaus am eigenen Herde,
das ist und bleibt das Heimatland.
Es ist ein hohes Gut im Leben,
das fern der Heimat man vermisst,
doch wahre Liebe, treu ergeben,
die Zeit des Kindseins nicht vergisst.
Dem trauten Heimatland verbunden
erlebt der Mensch den Sog der Welt,
in guten und in schlechten Stunden,
egal, wohin der Würfel fällt.
Man kann nicht wägen, zählen, messen,
was schicksalhaft der Mensch erträgt,
die Heimat kann man nicht vergessen,
solang das Herz im Leibe schlägt.
Herbert Schaak, geboren am 26.01.1928 in Markienen, Ostpreußen
AUSSTELLUNG "FLUCHT UND VERTREIBUNG"
Was bedeutet uns die Heimat? Was empfinden Menschen, wenn sie vertrieben werden? Die Wanderausstellung "Vertrieben" mit Fotos von Verena Berg gibt einen Einblick in die Emotionen und Empfindungen, Biografien und Geschichten.
Der Zweite Weltkrieg hat eine beispiellose Völkerwanderung in Europa ausgelöst. Mehr als 12 Millionen Menschen mussten fliehen und eine neue Heimat finden. Verena Berg hat Menschen porträtiert, die diese Vertreibung am eigenen Körper erlebt haben.
Die Ausstellung umfasst zwei Texttafeln mit allgemeinen Informationen sowie 20 Bildtafeln. Die Alu-Dibond-Tafeln sind 500 x 750 mm groß. Die Ausstellung eignet sich für Bildungseinrichtungen, Kommunen, kleinere Museen oder Gemeinden.
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TOOLKIT AUSSTELLUNG "VERTREIBUNG"
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- Informationen zur Fotografin
- Links zu Artikeln
- Videomaterial mit Audiospuren der Zeitzeugen
- Protokolle der portraitierten Zeitzeugen