Irmgard Klaaßen über Flucht und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg
Die Puten hingen außen an den Wagen
Man wurde nach dem Abitur eingezogen zum Arbeitsdienst, die einzige Möglichkeit, das zu umgehen, war eine Tätigkeit in der Landwirtschaft. Das lag mir, obwohl ich in der Stadt aufgewachsen war: Unsere Verwandten waren alle Bauern. Also machte ich eine ländliche Hauswirtschaftslehre bei der Familie Janson.
Ich war erst vier Wochen dort, als mein Chef die Anweisung bekam: „Morgen wird losgefahren.“ Wir hätten viel früher fahren müssen, natürlich. Aber der war auch auf der Flucht noch überzeugter Nazi, der glaubte ja noch an den Endsieg! Also fuhr er nicht so schnell, wie er hätte fahren müssen; dem wurde gesagt, er müsse zur Frühjahrsbestellung wieder zurück sein. So was wurde den Leuten noch gesagt!
Am 22. Januar sind wir bei Schnee und Eis losgegangen – bei minus 20 Grad. Aber die Sonne schien. Frau Janson schickte mich noch schnell in den Stall, um Puten zu schlachten, die wir außen an den Wagen hängten, es war ja tiefgefroren. Die Kinder saßen auf dem Wagen, und wir Erwachsenen gingen zu Fuß nebenher. Wir hatten einen Kastenwagen mit ein bisschen Stroh, Kissen und Decken ausgelegt, sodass die kleinen Kinder einigermaßen warm darin saßen. Zwei Säuglinge meiner Cousinen sind erfroren in den nassen Windeln. Das muss man sich mal denken! Die sind umgekommen, Kinder in nassen Windeln!
Und es gab keine Möglichkeit, das zu verhindern. In Preußisch Stargard, also in der Mitte zwischen Ostpreußen und Pommern, sah ich ein Schild von dem Dorf, in dem meine Großeltern wohnten. Ich wusste ja nicht, wo meine Familie geblieben war, also bin ich zu ihrem Haus marschiert und siehe da: Meine Mutter, meine Tante und meine Großmutter – die saßen da alle!
Meine Mutter war allein zu Hause gewesen, nachdem mein Vater zum Volkssturm, meine Schwester zur Flak und mein Bruder als Soldat nach Russland eingezogen worden waren. Also hatte sie sich gedacht, sie könne ebenso gut zu ihrer Mutter fahren, hatte ein Handköfferchen genommen und war losgefahren.
Ohne Sparbücher und Papiere, denn sie hatte ja geplant, nach einer Woche wieder zurückzufahren. Ich hatte eigentlich die Absicht, dazubleiben, aber meine Mutter sagte:„ Die Frau Janson hat sieben Kinder! Die kann dich nicht entbehren.
Du gehst zur Frau Janson!“ Hinterher, als sie in Dänemark im Lager saß und hörte, dass die Russen uns eingeholt hatten, hat sie es bereut:„ Hätt ich das nie gemacht.“ Aber sie hatte Recht: Es war schon richtig. Ich war diejenige, die Frau Janson am meisten helfen konnte, denn der andere Lehrling – Hannelore, die war ein Jahr jünger als ich – fing immer an zu heulen, wenn´s schwierig war.
Dann kamen wir nach Pommern. Das ist ein schönes Land, sehr hügelig – und unsere Wagen hatten keine Bremsen. Bergab rutschte der Wagen in die Pferde rein, und das bei Eis und Schnee, das war ganz übel, aber unser Kutscher Jannek hat es geschafft. Wir marschierten da unaufhörlich neben dem Wagen her, und es wurde inzwischen Frühling – trotz allem wurde Frühling. Im April kamen die Russen auf einmal von Westen, die waren bei der Oder bis Stettin durchgebrochen.
„Uhri Uhri“, das war das erste, was sie schrien: Erst nahmen sie uns die Uhren weg und dann die Pferde. Sie wussten wahrscheinlich selber nicht, was nun beschlossen war über das ganze Gebiet und sagten: „Der Krieg ist aus für euch, geht nach Hause.“ Wir konnten uns das ja auch nicht anders vorstellen, niemand konnte sich das vorstellen: dass das ganze Gebiet – Ostpreußen, Westpreußen, Danzig, Pommern, Schlesien, das ist ja fast ein Viertel von Deutschland gewesen – völlig entvölkert werden soll.
Für die Jansons brach in dem Moment alles zusammen, die wollten sich das Leben nehmen – mitsamt den Kindern. Hannelore und mich nahmen die Russen erst mal für sich mit, um zwei Offiziere zu „unterhalten“. Als Frau musste man dankbar sein, wenn man diese Zeit ohne Schwangerschaft und Infektionen überstanden hatte.
Am nächsten Morgen ließen sie uns frei. Und dann sind wir über die Straße in eine Scheune gelaufen, und siehe da: Da saß Familie Janson! Sie hatten sich versteckt und gehofft, dass wir da lebendig rauskommen. Naja, wir kamen ja auch lebendig raus. Dann marschierten wir zu Fuß wieder Richtung Osten.
Der Janson hatte mir vor seiner Gefangennahme die Karte in die Hand gedrückt und gesagt: „Sehen Sie zu, dass Sie Nebenwege finden.“ Zwei Wochen sind wir vielleicht gegangen, und dann war uns klar, dass wir das mit den Kindern nicht schaffen. Wir waren in einem Dorf namens Groß Tychow – da blieben wir den ganzen Sommer.
Im Laufe des Sommers tauchten die ersten polnischen Verwaltungsleute auf, und dann kam im November 1945 der Befehl: „Die, die hier Flüchtlinge sind, müssen raus.“ Wir wurden mit dem LKW nach Belgard gekarrt und dort auf dem Bahnhof abgesetzt; als es dunkel wurde, fuhren Viehwaggons vor. Beim Einsteigen stürztesich eine Meute Polen auf uns und versuchte, uns das Gepäck wegzureißen – viel mehr, als wir tragen konnten, besaßen wir ja nun nicht. Ganz zum Schluss sprangen in unseren Waggon zwei Männer, die Draht bei sich hatten und die Schiebetüre damit von innen verammelten.
Der Zug fuhr über die Oder in die russische Zone. In Gramzow in Brandenburg hatte ich die Möglichkeit, Briefe zu schreiben. Ich weiß nicht mehr, wer es war, aber jemand schenkte mir Briefmarken und Papier. Wir hatten Verwandte in der Nähe von Eisleben in Sachsen, und meine Mutter hatte immer gesagt: „Kinder, wenn wir getrennt werden sollten, wendet euch an Tante Meta, sie wohnt in Volkmaritz bei Eisleben. Wenn ihr das behaltet, genügt das.“
Also schrieb ich an Tante Meta und siehe da: Meine Schwester war schon da. Auch meinem Vater, der mittlerweile in Mecklenburg saß, fiel die Adresse wieder ein. Er hat mich abgeholt, und dann sind wir zusammen mit Hannelore nach Sachsen gefahren, das war im Frühjahr 1946.
Wir blieben eine Weile in Sachsen, aber als im Sommer 1946 die KPD und die SPD zur SED vereinigt wurden, hat mein Vater gesehen, wie der Hase laufen wird. Er sagte: „Wir sind hier nicht zu Hause, wir können ebenso gut weiter nach Westen gehen.“ Meine Tante war bei Stade gelandet. Die wohnten schon mit 15 Personen in zwei Zimmerchen, aber wir drei passten auch noch. Das ging damals alles, das hielten wir für nicht besonders schlimm. Man war froh: Man hatte es überlebt, und jetzt musste das Leben weitergehen.
Irmgard Klaaßen, geboren 1926 in Bartenstein, Ostpreußen
AUSSTELLUNG "FLUCHT UND VERTREIBUNG"
Was bedeutet uns die Heimat? Was empfinden Menschen, wenn sie vertrieben werden? Die Wanderausstellung "Vertrieben" mit Fotos von Verena Berg gibt einen Einblick in die Emotionen und Empfindungen, Biografien und Geschichten.
Der Zweite Weltkrieg hat eine beispiellose Völkerwanderung in Europa ausgelöst. Mehr als 12 Millionen Menschen mussten fliehen und eine neue Heimat finden. Verena Berg hat Menschen porträtiert, die diese Vertreibung am eigenen Körper erlebt haben.
Die Ausstellung umfasst zwei Texttafeln mit allgemeinen Informationen sowie 20 Bildtafeln. Die Alu-Dibond-Tafeln sind 500 x 750 mm groß. Die Ausstellung eignet sich für Bildungseinrichtungen, Kommunen, kleinere Museen oder Gemeinden.
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TOOLKIT AUSSTELLUNG "VERTREIBUNG"
In unserem Onlineshop finden Sie ein umfangreiches Materialpaket zur Ausstellung. Unser Toolkit Vertrieben: Generation "neue Heimat" ist ein PDF zum Download. Es enthält
- Informationen zur Fotografin
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- Protokolle der portraitierten Zeitzeugen