Ruth Buntkirchen über Vertreibung im Zweiten Weltkrieg

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Verena Berg: Vertreibung | Ruth Buntkirchen

Genießt den Krieg! Der Frieden wird fürchterlich

Nach sieben Monaten Internierungslager wurde ich entlassen und zog mit meiner Schwester Hilde ins Haus unserer Großeltern, die gerade gestorben waren. Wir haben uns, so gut es eben ging, eingerichtet, Anfang 1946 aber wurden wir aus unserem Haus und schließlich endgültig aus dem Dorf vertrieben. 

Immerhin war unsere Mutter zuvor auch aus dem Lager entlassen worden und zu uns gekommen, aber wir standen nun gänzlich ohne Vorräte da, und es kam der zu allem Unglück auch noch harte, Winter 1946/47. Wir versuchten alles nur Mögliche zu essen, um dem Magen wenigstens irgendetwas anzubieten: Kleesamen und Eicheln zum Beispiel, und auch andere furchtbare Sachen haben wir gegessen. 

Im Februar 1947 fanden Hilde und ich Arbeit auf einer Kolchose, dort bekamen wir immerhin jeden Morgen ein kleines Stückchen Brot. Im Mai 1947 bekam ich erste Hungerödeme. Aber ohne Arbeit kein Brot, also ignorierte ich die Anzeichen. Im Juni wurde es schlimmer: Da meine Nieren nichts mehr ausgeschieden hatten, war das Wasser bis zum Bauch gestiegen, und das Atmen fiel mir immer schwerer. Unter Höllenqualen und mit Fieber schleppte ich mich mit Mutti zu Fuß ins Krankenhaus, wir mussten bestimmt alle hundert Meter eine Pause machen. 

Aber es gab im ganzen Krankenhaus keine Medikamente! Die einzige Möglichkeit, meine Nieren wieder zum Arbeiten zu bringen, war Kaffee. Wir hatten nichts mehr, um auf dem Schwarzmarkt zu handeln, es war mir vollkommen schleierhaft, wie Hilde und Mutti Kaffee besorgt haben. Aber sie schafften es, und er wirkte! 

Im Juli konnte ich das Lazarett wieder verlassen. Doch nur vier Tage nach der Entlassung wurden Mutti und ich auf der Suche nach Nahrung verhaftet, und ein Martyrium begann: „Der 19 .Juli 1947 war der Schicksalstag, der unser Leben von einer Minute zur anderen derart verändern sollte, wie wir es uns nie hätten vorstellen können: Mutti und ich wurden verhaftet! Wegen Diebstahl! Besser gesagt: wegen Mundraub! Hinter unserer Behausung lag an einem Abhang eine Reihe Obst- und Gemüsegärten. 

Ursprünglich gehörten sie den hier wohnenden Deutschen. Jetzt hatten sich neue, russische Besitzer gefunden, die diese Gärten für sich beanspruchten. Dorthin führte unser Weg, als wir uns für die nächste Mahlzeit irgendetwas organisieren wollten. Wir hatten schon Äpfel vom Baum abgerissen, und ich war gerade dabei, Rote Rüben aus der Erde zu ziehen. Da erschien plötzlich die neue „Eigentümerin“ und machte ein fürchterliches Spektakel. Wir waren erschrocken. Die Äpfel kullerten ins hohe Gras – nur die kümmerlichen vier Roten Rüben hielt ich noch in der Hand. Nun packte uns die „Besitzerin“ tatsächlich am Kragen und schleppte uns die 200 Meter zur Kommandantur. 

Wir hatten eigentlich keinen großen Bammel vor dem, was kommen könnte. Vier Rote Rüben, was kann da schon groß geschehen? Wir wussten nicht, dass die Russen seit Kurzem ein ganz neues Gesetz für „Mundraub“ erlassen hatten. Man führte uns in den Keller und schloss uns dort ein. Alle, die hier herein kamen, wurden wegen ähnlich banaler Dinge eingesperrt. 

Eines Tages hieß es, dass es losginge mit dem Zug nach Königsberg und dort ins Untersuchungsgefängnis. Von uns wurden Fingerabdrücke, wie von richtigen Verbrechern, gemacht, und zwar von allen zehn Fingern. Auch wurden wir für die Verbrecherkartei fotografiert. Wenn das Ganze nicht so ein Trauerspiel gewesen wäre, hätte man lachen können, mit welchem Eifer sie uns, die vor Hunger Halbtoten, zu Verbrechern machen wollten. 

Wir kamen in eine Zelle, in der drei Bettgestelle standen, also eine Dreimannzelle. Die war schon mit 28 Frauen belegt, neben dem Klosett, das weder einen Sitz noch einen Deckel hatte, war noch ein Plätzchen für uns zwei. Dort durften wir auf dem Fußboden sitzen. 

Sitzen bei Tag und liegen bei Nacht. Die „Gerichtsverhandlung“ war eine Farce. Meine Mutter und ich wurden beschuldigt, zehn Rote Rüben und 20 Kohlköpfe aus dem Garten der Genossin XY gestohlen zu haben. Wahrscheinlich wären unsere vier Rüben selbst für die sowjetische Gerichtsbarkeit nicht ausreichend gewesen. 

Der „Dolmetscher“ übersetzte das Urteil:„ Frau verstehen? Fünf Jahre!“ Wir kamen gar nicht zu Wort, da war die Verhandlung auch schon zu Ende. Fünf Jahre war die Mindeststrafe, ich habe mit Menschen gesprochen, die 25 Jahre bekommen haben. Die Sowjets hatten ein neues Gesetz zum Menschenfangen erlassen, denn ihre Arbeitslager brauchten Nachschub. Wir waren also auch dafür vorgesehen. Sie trieben uns in den Gefängnishof und ließen jeden von uns, wenn er aufgerufen wurde, auf die bereitstehenden LKWs klettern. 

Wer nicht mehr aus eigener Kraft auf die hohe Plattform kam, weil er schon zu schwach war, so wie wir beide, den beförderten die Posten nach oben, indem sie den Sträfling wie einen Sack packten, am Hosenboden und am Kragen, und mit einem Wurf war die Sache erledigt. Als der LKW mit seiner traurigen Fracht vollgeladen war, ging es los. 

Wohin, in welche Richtung, das wusste niemand. Als wir ausgeladen wurden, waren wir irgendwo auf dem Lande. Das war eine Überraschung für uns. Wir waren nun Helfer bei der Kartoffelernte geworden. Hier auf diesem riesigen Acker krochen bestimmt etliche hundert Gefangene herum, die sich bemühten, das zu leisten, was von ihnen erwartet wurde. Die Posten standen rund um das riesige Kartoffelfeld und bewachten eigentlich nur die Ränder. 

Da es hier etwas zu essen gab, dachte wohl auch niemand an Flucht. Es ging mir sehr schlecht, und ich war trotz der Kartoffeln schwach wie in meinen schlechtesten Zeiten. Ich glaube, wenn sie uns nicht nach ein paar Tagen abgezogen hätten, wäre ich am Durchfall gestorben. Wir wurden erneut in die bekannten LKWs verladen, niemand ahnte, wo es jetzt hingehen sollte. 

Es war ja auch schon egal, wo es hinging, wir konnten uns keine Hoffnung auf bessere Zeiten machen. Dann, als wir ausgeladen wurden, war alles klar. Wir standen in Königsberg-Ponarth auf dem Verschiebebahnhof, direkt vor den Viehwaggons eines unendlich langen Güterzugs. Lieber Gott, jetzt war es so weit! Und nun lagen meine Mutter und ich in einem Viehwaggon. Und es ging los – gen Osten. 

Darauf folgten fünf Jahre Zwangsarbeit in mehreren Lagern über Russland verteilt, und ich wurde von Mutti getrennt. Im Juni 1952 wurde ich entlassen – aber nicht nach Hause, sondern in die „freie Verbannung“ in der tiefsten Taiga. Dort habe ich meinen Schicksalsgefährten Gustav kennengelernt. Wir haben uns ein bescheidenes Leben in der Verbannung aufgebaut und 1953 unseren Sohn Wolfgang bekommen. 1955 – zehn Jahre nach Kriegsende – durften wir dann endlich ausreisen. 

Ruth Buntkirchen, geboren am 12.07.1925 in Königsberg, Ostpreußen

(Gekürzter Auszug aus Ruth Buntkirchen: Das gestohlene Jahrzehnt.) 

AUSSTELLUNG "FLUCHT UND VERTREIBUNG"

Was bedeutet uns die Heimat? Was empfinden Menschen, wenn sie vertrieben werden? Die Wanderausstellung "Vertrieben" mit Fotos von Verena Berg gibt einen Einblick in die Emotionen und Empfindungen, Biografien und Geschichten.

Der Zweite Weltkrieg hat eine beispiellose Völkerwanderung in Europa ausgelöst. Mehr als 12 Millionen Menschen mussten fliehen und eine neue Heimat finden. Verena Berg hat Menschen porträtiert, die diese Vertreibung am eigenen Körper erlebt haben.

Die Ausstellung umfasst zwei Texttafeln mit allgemeinen Informationen sowie 20 Bildtafeln. Die Alu-Dibond-Tafeln sind 500 x 750 mm groß.  Die Ausstellung eignet sich für Bildungseinrichtungen, Kommunen, kleinere Museen oder Gemeinden. 

Jetzt die Ausstellung im Shop buchen.

 

TOOLKIT AUSSTELLUNG "VERTREIBUNG" 
 

In unserem Onlineshop finden Sie ein umfangreiches Materialpaket zur Ausstellung. Unser Toolkit Vertrieben: Generation "neue Heimat" ist ein PDF zum Download. Es enthält

  • Informationen zur Fotografin
  • Links zu Artikeln
  • Videomaterial mit Audiospuren der Zeitzeugen
  • Protokolle der portraitierten Zeitzeugen

Hier geht es zum Toolkit