Ruth Geede über Flucht und Vertreibung im zweiten Weltkrieg
Ihre Erinnerungen werden durch unsere ostpreußischen Familie immer wieder geweckt und dann werden auch die eigenen lebendig. So erging es einer nach Thüringen verschlagenen Königsberger, in die ihr letztes Erlebnis auf ostpreußischen Boden keine Ruhe ließ. Sie beschrieb es in ihrem ersten Brief Ich stand mit meinen Eltern in einer eiskalten Nacht. Es war der 28. Januar 1945, ziemlich verlassen und hilflos im Hafen von Pillau. So weit hatten wir schon geschafft, mithilfe eines Kohlenschleppers. Aber wie sollte es weitergehen? Ringsum wimmelte es von Flüchtlingen.
In dieser Situation sprach ich einen jungen Matrosen an mit der Bitte, uns doch zu helfen, auf ein Schiff zu kommen, und. Und er schaffte es, uns an Bord der Lappland zu bugsieren. Ich musste an der Strickleiter der Außenwand des Schiffes hochklettern, was ich auch ohne zu zögern In so einer Lage wachsen eine wohl besondere Kraft dazu.
Irgendwie blieb noch so viel Zeit, dass ich unseren jungen Lebensretter die Anschrift unseres Zielortes geben konnte. Weimar. Mit seiner Hilfe glückte unsere Flucht über sie. Ein erstes Lebenszeichen kam von dem Lebensretter im Dezember 1945. Er sandte ein Foto von sich als Matrose und legte ein selbstverfassten Gedicht ein. Denke ich oft an jene schwere Stunde, wo du verlassen, was du als Kind geliebt, wo du als Freund mich hast gefunden, dem Gott die Kraft zur Hilfe gibt.
Mein Lebensweg. Es war kein guter, als du mich sahst in jener Nacht, sie du in mir, den eigenen Bruder, und frag mich nie, was ich vor dem gemacht. Der Krieg. Er machte mich zum Soldaten. Als dieser tat ich meine Pflicht. Du weißt es, Schwester, was wir taten. Verurteilt du mich bitte nicht. Es waren Zeilen, die irgendwie von Schuld sprachen und damals, nach dem furchtbaren Krieg, so manch ein junger Mensch zu leiden glaubte, weil sie ihm zudiktiert wurde. Aber was ihn auch immer in diesen Zeilen veranlasst hatte, es war für Ruth aus Königsberg zum Retter geworden.
Das Gedicht An jene Nacht in Pillow hatte sie aufgehoben sowie seiner Anschrift in Frankfurt Schwanheim. Nun, im Sommer 1992, nach fast einem halben Jahrhundert, in dem es keine Verbindung mehr gegeben hatte, war es der Schreiberin ein großes Bedürfnis, diesem Mann und allen Namenlosen Helfen zu danken, die uns Flüchtlingen in jenen schweren Stunden beigestanden hatten. Oft hatte sie sich gefragt, ob und wo Bernd noch leben mochte.
Aber da war diese Mauer mitten durch Deutschland. Nun, da sie gefallen war, stand die Frage im Raum. Liegt er noch? Wie sollten wir diese über unsere ostdeutsche Familie vermitteln? Der Gesuchte stammte ja nicht aus unserer Heimat. Er war Hesse. Der einzige Anhaltspunkt war die alte Anschrift in Frankfurt. Ich bat deshalb unsere Leserinnen und Leser, aus diesem Raum nach dem Mann zu forschen. Vielleicht ergaben sich ja noch andere Fingerzeige. Die Antwort kam zwei Wochen später.
Mir ist es ein großes Bedürfnis, Ihnen von ganzem Herzen zu danken. Es stellten sich nämlich Reaktionen ein, mit denen ich nie gerechnet hatte. Ihr Frankfurter Leserinnen, das ostpreußischen Blatte, suchten sofort und fanden die neue Adresse des Gesuchten. Sie benachrichtigte ihn, schickten ihn sogar den Zeitungsausschnitt und gaben auch mir Nachricht. Wenige Tage später traf ein wie ein Brief von dem so viel Überraschten bei mir ein. Er schrieb sehr nett und liebenswürdig. Auch ein Stück seiner Lebensgeschichte. Und mein altes Herz klopfte wie verrückt. Inzwischen hat er auch einen langen, dankbaren Brief von mir erhalten.
Nun, kurz und gut, ich hoffe jetzt doch aus meiner Vergangenheit herauszufinden, was mich seit langem bewegt und beschäftigt. Ja, das war die Geschichte der Rotessa und ihrem Lebensretter. Ich bin froh, Sie hier ausführlich erzählen zu können, denn aus ihr spricht ja der Dank an alle unsere Retter. Auf sie, auch der meine. Denn auch ich stand mit meiner Mutter in jener Nacht am Kai in Piller zwischen Zehntausenden von Schicksalsgefährten. Und auch ich hatte Retter, denen ich nie danken konnte, weil sie namenlos geblieben sind. Ein später Dank. Aber nicht zu spät.
AUSSTELLUNG "FLUCHT UND VERTREIBUNG"
Was bedeutet uns die Heimat? Was empfinden Menschen, wenn sie vertrieben werden? Die Wanderausstellung "Vertrieben" mit Fotos von Verena Berg gibt einen Einblick in die Emotionen und Empfindungen, Biografien und Geschichten.
Der Zweite Weltkrieg hat eine beispiellose Völkerwanderung in Europa ausgelöst. Mehr als 12 Millionen Menschen mussten fliehen und eine neue Heimat finden. Verena Berg hat Menschen porträtiert, die diese Vertreibung am eigenen Körper erlebt haben.
Die Ausstellung umfasst zwei Texttafeln mit allgemeinen Informationen sowie 20 Bildtafeln. Die Alu-Dibond-Tafeln sind 500 x 750 mm groß. Die Ausstellung eignet sich für Bildungseinrichtungen, Kommunen, kleinere Museen oder Gemeinden.
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TOOLKIT AUSSTELLUNG "VERTREIBUNG"
In unserem Onlineshop finden Sie ein umfangreiches Materialpaket zur Ausstellung. Unser Toolkit Vertrieben: Generation "neue Heimat" ist ein PDF zum Download. Es enthält
- Informationen zur Fotografin
- Links zu Artikeln
- Videomaterial mit Audiospuren der Zeitzeugen
- Protokolle der portraitierten Zeitzeugen